Riley zuckte bei diesen Worten zusammen.
„…nur einen Ausweg...“
Natürlich war genau dieser eine Ausweg nicht Liam weiterhin in Rileys Familie zu lassen.
Es war einfach gesunder Menschenverstand.
Er sollte gehen und bei seiner nächsten Verwandtschaft leben.
Melinda drückte Scotts Hand und sagte zu Riley: „Scott und ich haben ein leeres Nest, wissen sie. Wir haben unsere drei Kinder schon großgezogen, zwei Söhne und eine Tochter. Unser Mädchen macht gerade ihren Abschluss an der Universität und die Jungs sind beide verheiratet und erfolgreich und bereit eigene Familien zu gründen. Wir sind also nun ganz allein in unserem großen Haus und wir vermissen es junge Stimmen zu hören. Es ist das perfekte Timing für uns.
Erneut zuckte Riley ein wenig.
„…das perfekte Timing…“
Natürlich war es das perfekte Timing. Was hinzukam war, dass es die perfekten Menschen waren –– oder so perfekt wie Eltern überhaupt sein konnten.
Wahrscheinlich sehr viel besser als ich, dachte Riley sich.
Sie selbst war sehr weit davon entfernt alles in ihrem eigenen komplizierten Leben auf die Reihe zu bekommen –– die Verantwortung des Elterndaseins sowie die oftmals in Konflikt dazu stehenden, manchmal gefährlichen, Pflichten einer FBI Agentin.
Tatsächlich fand sie es manchmal unmöglich all das zu vereinen und Liam hier zu haben, hatte ihr Leben nicht gerade einfacher gemacht.
Sie hatte oft das Gefühl nicht genug Aufmerksamkeit für die Kinder aufbringen zu können –– inklusive für Liam. Sie hatte wirklich sehr viel auf sich genommen, als sie ihn zu sich nahm.
Und überhaupt, wie sollte er denn weiterhin in diesem Wohnzimmer leben bis zum Zeitpunkt, an dem er an die Uni ging?
Ja, und wie wollte sie denn bitte überhaupt seine Ausbildung bezahlen?
Nein, das alles war wirklich das Beste für sie alle.
Jilly und April hielten das Geplauder am Laufen und fragten das Paar über deren schon erwachsene Kinder aus.
In der Zwischenzeit füllte sich Rileys Kopf mit Sorgen.
Sie hatte das Gefühl Liam in der kurzen Zeit schon so gut kennengelernt zu haben. Was wussten diese Leute überhaupt nach Jahren der Entfremdung von ihm und von seinem Vater? Sie wusste, dass Scott der Inhaber eines erfolgreichen Fahrradladens war. Er war außerdem in erstaunlich guter Form für sein Alter.
Würde er es verstehen, dass Liam von Natur aus tollpatschig und unsportlich war?
Liam war alles andere als eine Sportskanone und liebte es zu lesen und sich seinen Schulaufgaben zu widmen. Er war außerdem der Kaptein des Schachklubs seiner Schule.
Würden Scott und Melinda sich auf ihn einlassen können und in der Lage sein eine gute Beziehung zu ihm aufzubauen? Würden sie sich genauso gerne mit ihm unterhalten, wie Riley es tat? Würden sie seine Interessen teilen?
Oder würde er sich einsam und fehl am Platz fühlen?
Doch Riley musste sich selbst daran erinnern, dass sie gar nicht in der Position war sich über diese Dinge Sorgen zu machen.
Das ist wirklich alles das Beste für alle, sagte sie sich erneut vor.
Bald –– viel schneller als es Riley lieb gewesen wäre –– hatten Scott und Melinda ihre Kekse gegessen und den Kaffee getrunken und dankten Gabriela für die köstliche Stärkung. Es war Zeit für sie aufzubrechen. Schließlich war es eine lange Fahrt zurück bis nach Omaha.
Scott griff nach Liams Koffern und machte sich auf den Weg zum Auto.
Melinda ergriff herzlich Rileys Hand.
Sie sprach: „Noch einmal, wir können ihnen wirklich nicht genug danken dafür, dass sie sich um Liam kümmerten als er dies am meisten brauchte.“
Riley nickte nur und Melinda folgte ihrem Mann nach draußen.
Jetzt befand sich Riley Angesicht zu Angesicht mit Liam.
Er schaute sie mit weit offenen Augen an, so als hätte er jetzt erst verstanden, dass er sie alle verließ.
„Riley“, sagte er mit seiner charmanten, etwas quietschenden Teenagerstimme, „wir hatten keine Möglichkeit einmal zusammen Schach zu spielen.“
Riley überkam ein Gefühl von Reue. Liam hatte April beigebracht zu spielen, aber irgendwie hatte Riley es nie geschafft selber eine Partie mit ihm zu spielen.
Jetzt hatte sie auf einmal das Gefühl, dass es zu viele Dinge gab, für die sie es nicht geschafft hatte Zeit zu finden.
„Keine Sorge“, sagte sie. „Wir können online spielen. Ich meine, Du wirst doch in Kontakt bleiben, oder? Wir erwarten alle, von Dir zu hören. Oft. Wenn wir nichts hören komme ich nach Omaha. Ich denke nicht, dass Du das FBI vor Deiner Tür stehen haben willst.“
Liam lachte.
“Keine Sorge”, sagte er. “Ich bleib in Kontakt. Und wir werden unbedingt mal Schach spielen.”
Dann fügte er mit einem Grinsen hinzu: „Ich werde Dich im Schach total fertig machen, das weißt Du doch, oder?“
Riley lachte und umarmte ihn.
„Ja, in Deinen Träumen vielleicht“, sagte sie.
Natürlich wusste sie, dass er Recht hatte. Sie war eine ziemlich gute Schachspielerin aber nicht einmal annähernd gut genug um gegen so einen herausragenden Jungen wie Liam zu gewinnen.
Liam sah aus, als wäre er den Tränen nahe und stürzte zur Tür hinaus. Er stieg zu Scott und Melinda ins Auto und die drei fuhren davon.
Während Riley am Fenster stand und ihnen nachsah hörte sie wie Jilly und Gabriela in der Küche aufräumten.
Dann fühlte sie wie jemand ihre Hand drückte. Sie drehte sich um und sah, dass es April war und dass sie sie besorgt ansah.
„Alles ok, Mom?“
Riley konnte es kaum glauben, dass ausgerechnet April ihr in diesem Moment Mitgefühl entgegenbrachte. Schließlich was Liam ihr Freund gewesen, als er hier eingezogen war. Jedoch hatten sie seit diesem Zeitpunkt eine Pause in ihrer romantischen Beziehung eingelegt. Sie mussten unter diesen Umständen „hermanos solamente“ bleiben, wie Gabriela es bezeichnete –– Bruder und Schwester, sonst nichts.
April war dieser Veränderung mit Anmut und Reife begegnet.
„Alles in Ordnung“, antwortete Riley. „Wie geht es Dir?“
April blinzelte ein wenig, aber sie schien eine bemerkenswerte Kontrolle über ihre Emotionen zu haben.
„Ich bin ok“, erwiderte sie.
Riley erinnerte sich an den Plan, den April und Liam für die Sommerferien hatten.
Sie fragte: „Hast Du immer noch vor den Sommer im Schachcamp zu verbringen?“
April schüttelte den Kopf.
„Es wäre einfach nicht dasselbe ohne Liam.“
„Verstehe ich“, sagte Riley.
April drückte Rileys Hand ein wenig fester und sagte: „Wir haben wirklich etwas Gutes getan, oder? Ich meine, dass wir Liam geholfen haben“.
„Das haben wir auf jeden Fall“, antwortete Riley und erwiderte Aprils Händedruck.
Dann stand sie einen Moment da und betrachtete ihre Tochter. Sie schien so unglaublich erwachsen in diesem Augenblick und Riley war zutiefst stolz auf sie.
Natürlich, wie alle Mütter dies tun, machte sie sich Gedanken um Aprils Zukunft.
In letzter Zeit war sie besonders besorgt, nachdem April ihr mitgeteilt hatte, dass sie eine FBI Agentin werden wollte.
War dies das Leben, dass Riley sich für ihre Tochter wünschte?
Abermals ermahnte sie sich…
Was ich mir wünsche ist in diesem Fall bedeutungslos.
Ihr Job als Mutter war es alles dafür zu geben die Träume ihrer Tochter möglich zu machen.
April begann ein wenig unruhig beim liebenden Anblick ihrer Mutter zu werden.
„Ähm, stimmt was nicht, Mom?“ fragte April.
Riley lächelte nur. Sie hatte auf den richtigen Moment gewartet um etwas Wichtiges anzusprechen. Und wenn dies nicht der richtige Augenblick war, dann wusste sie es auch nicht.
„Komm mal mit hoch“, bat Riley April. „Ich habe eine Überraschung für Dich.“
KAPITEL ZWEI
Als Riley April die Treppe hinaufführte, fragte sie sich, ob sie wirklich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Sie konnte aber fühlen, dass April aufgeregt und gespannt auf die „Überraschung“ war.
Sie meinte, dass April auch ein bisschen nervös schien.
Bestimmt nicht nervöser als ich es bin, dachte Riley. Aber jetzt war es zu spät sich es noch einmal anders zu überlegen.
Sie betraten Rileys Schlafzimmer.
Riley warf nur einen Blick auf den Gesichtsausdruck ihrer Tochter und entschied sich dafür keine Erklärungen im Vorab zu geben. Sie ging zu ihrem Schrank hinüber, in dem sich ein kleiner neuer schwarzer Safe auf einem der Regalbretter befand. Sie tippte den Code in des Tastenfeld ein, entnahm etwas aus dem kleinen Kasten und legte es auf das Bett.
April riss die Augen weit auf beim Anblick des Gegenstandes.
„Eine Pistole!“ sie schaute auf. „Ist sie für…?“
„Dich?” erwiderte Riley. “Naja, gesetzlich ist es immer noch meine Waffe. Die Gesetze Virginias lassen keinen Waffenbesitz vor dem achtzehnten Lebensjahr zu. Aber Du kannst bis dahin mit dieser hier üben. Wir werden uns damit langsam vorarbeiten, aber wenn Du sie gut beherrschst, wird sie Deine sein.“
Aprils Mund stand offen.
„Willst Du sie haben?“ fragte Riley.
April schien nicht so recht zu wissen, was sie antworten sollte.
War es ein Fehler? fragte Riley sich. Vielleicht war April doch noch nicht bereit hierfür.
Riley fuhr fort: „Du sagtest, Du wolltest eine FBI Agentin werden.“
April nickte eifrig.
„Naja“, sagte Riley, „deshalb dachte ich es wäre vielleicht eine gute Idee mit Waffentraining anzufangen. Was meinst Du?“
„Ja –– oh, ja“, erwiderte April. „Das ist fantastisch. Wirklich total großartig. Danke, Mom. Ich bin nur etwas überwältigt. Ich hätte das wirklich nicht erwartet.”
“Ich auch nicht”, sagte Riley. “Ich meine, ich habe nicht erwartet gerade jetzt irgendetwas in diese Richtung zu machen. Eine Waffe zu besitzen ist eine riesige Verantwortung –– eine die viele Erwachsene nicht meistern können.“
Riley nahm die Pistole aus dem Koffer und zeigte sie April.
Sie sagte: „Das ist eine Ruger SR 22 –– eine .22 Kaliber semiautomatische Handfeuerwaffe.“
„Eine .22?“, fragte April.
„Glaub mit, das hier ist kein Spielzeug. Ich möchte vorerst nicht, dass Du mit einem größeren Kaliber trainierst. Eine .22 kann genauso gefährlich sein wie jede andere Waffe–– vielleicht sogar gefährlicher. Mehr Menschen werden durch dieses Kaliber getötet, als durch irgendein anderes. Behandle die Pistole mit Vorsicht und Respekt. Du wirst sie nur fürs Training handhaben und in der übrigen Zeit bleibt sie in meinem Schrank. Sie wird in einem Waffensafe aufbewahrt werden, für den man einen Code braucht. Fürs Erste werde ich die einzige bleiben, die diesen kennt.“
„Natürlich“, antwortete April. „Ich will das Ding hier auch nicht einfach rumliegen haben“.
Riley fügte hinzu: „Und ich würde es bevorzugen, wenn Du es Jilly gegenüber nicht erwähnen würdest.“
„Was ist mit Gabriela?“
Das war eine gute Frage, wusste Riley. Was Jilly anging so war es einfach eine Frage der Reife. Sie wäre womöglich neidisch geworden und würde eine eigene Pistole haben wollen, was ausgeschlossen war. Gabriela aber, so vermutete Riley, würde beunruhigt sein von dem Gedanken, dass April mit einer Waffe trainierte.
„Vielleicht erzähle ich es ihr“, sagte Riley. „Aber jetzt erstmal nicht.“
Riley entnahm das leere Magazin und sagte: „Du musst immer wissen, ob Deine Waffe geladen oder ungeladen ist.“
Sie reichte April, deren Hände etwas zitterten, die ungeladene Pistole.
Sie wollte beinahe einen Witz machen…
„Sorry, ich habe keine mehr in Pink bekommen.“
Doch im letzten Moment überlegte sie es sich andres. Das hier war kein Gegenstand für Scherze.
April fragte: „Aber was mach ich damit? Wo? Wann?“
“Jetzt gleich”, antwortete Riley. “Komm. Gehen wir.”
Riley legte die Pistole zurück in den Koffer und trug ihn die Treppe hinunter. Glücklicherweise war Gabriela gerade in der Küche zugange und Jilly saß im Wohnzimmer, sodass sie nicht erörtern mussten, was sich im Koffer befand.
April ging in die Küche und teilte Gabriela mit, dass Riley und sie für eine Weile weg sein würden. Sie ging ins Wohnzimmer und gab dasselbe an Jilly weiter. Das jüngere Mädchen saß gerade gebannt vor dem Fernseher und nickte nur.
Riley und April verließen beide das Haus und stiegen ins Auto. Riley fuhr sie zu einem Waffenladen der „Smith Firearms“ hieß, wo sie die Pistole vor einigen Tagen gekauft hatte. Drinnen umgaben sie Feuerwaffen jeder Art und Größe, ausgestellt in Glasvitrinen oder einfach an der Wand hängend.
Sie wurden von Brick Smith, dem Ladenbesitzer, begrüßt. Er war ein großer, bärtiger Mann, gekleidet in ein Plaid-kariertes Hemd und herzlich lächelnd.
„Hallo, Ms. Paige“, sagte er. „Es ist gut sie wiederzusehen. Was bringt sie heute zu mir?“
Riley antwortete: „Das hier ist meine Tochter, April. Wir sind hergekommen um die Ruger auszuprobieren, die ich neulich hier gekauft hab.“
Brick Smith wirkte leicht amüsiert. Riley dachte zurück an den Tag, an dem sie ihren Freund, Blaine, hierher gebracht hatte um ihm eine Waffe zur Selbstverteidigung zu kaufen. Damals schien Brick etwas verblüfft eine Frau zu treffen, die einem Mann eine Waffe kaufte. Sein Erstaunen schwand erst dann, als er herausfand, dass Riley eine FBI Agentin war.
Nun war er kein bisschen überrascht.
Er gewöhnt sich so langsam an mich, dachte Riley. Gut. Das tut nicht jeder.
„Nun gut“, sagte er, während er April ansah. „Sie haben mir nicht gesagt, dass sie die Waffe für ihre Kleine kaufen.“
Der Ausdruck irritierte Riley ein wenig…
„…ihre Kleine…“
Sie fragte sich, ob das April beleidigte.
Riley blickte April flüchtig an und stellte fest, dass diese immer noch etwas überfordert aussah.
Ich vermute, dass sie sich gerade vielleicht auch wie ein kleines Mädchen fühlt, dachte Riley.
Brick Smith führte Riley und April durch eine Tür hinter den Laden, auf einen überraschend großen Schießplatz, wo er sie dann allein ließ.
„Als allererstes“, fing Riley an und zeigte auf eine lange Liste, die an der Wand angebracht war, „ließ diese Regeln. Frag mich, wenn Du etwas nicht verstehen solltest.“
Riley schaute zu wie April die Regeln las, die natürlich alle Sicherheitsvorkehrungen beinhalteten, einschließlich der Anweisung eine Feuerwaffe nie in irgendeine andere Richtung als in Richtung der Geschoßfänge zu richten. Während April mit ernster Miene las spürte Riley eine merkwürdige Art déjà vu. Sie dachte daran, wie sie Blaine hierher gebracht hatte um eine Pistole zu kaufen und seine neue Waffe auszuprobieren.
Es war eine etwas bittere Erinnerung.
Beim Frühstück nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht gestand Blaine zögerlich…
„Ich glaube, ich brauche eine Waffe. Zur persönlichen Sicherheit.“
Natürlich hatte Riley sofort verstanden, was er meinte. Sein Leben war in Gefahr seit er sie kennengelernt hatte. Und wie sich später herausstellte, hatte er die Pistole tatsächlich nur wenige Tage später gebraucht um nicht nur sich, sondern Rileys gesamte Familie vor einem gefährlichen entflohenen Sträfling, Shane Hatcher, zu beschützen. Blaine hatte den Mann damals beinahe umgebracht.
Riley hatte immer noch qualvolle Schuldgefühle wegen diesem schrecklichen Vorfall.
Ist niemand in meinem Leben sicher? fragte sie sich. Wird jeder den ich kenne irgendwann eine Waffe brauchen, alles wegen mir?
April hatte die Regeln durchgelesen und beide gingen zu einem der leeren Stände hinüber. Dort legte April Sicht- und Gehörschutz an und Riley nahm die Pistole aus ihrer Box und legte sie vor April hin.
April schaute die Waffe entmutigt an.
Gut, dachte Riley. Sie soll ruhig davon eingeschüchtert sein.
April sagte: „Die ist anders, als die Waffe, die Du für Blaine gekauft hattest.“