„Sie glauben es. Sie glauben wirklich, dass meine Mutter ihren eigenen Sohn töten würde.“
“Sie hat einen gewissen Ruf für … Rücksichtslosigkeit”, wies der Hofbeamte ihn darauf hin. Ehrlich war das die Art, wie Männer mit Verbindungen in der Versammlung der Adligen die ganze Zeit sprachen? „Und selbst wenn sie nicht wirklich mit Ihrer Enthauptung durchkommt, diejenigen um sie herum könnten … verletzlich sein.“
„Ah, Sie machen sich also sorgen um ihre eigene Haut“, stellte Rupert fest. Das machte mehr Sinn. Menschen, so dachte er, waren oftmals nur auf ihre eigenen Interessen aus. Es war eine Lehre, die er früh gelernt hatte.
„Ich hätte gedacht, dass Ihre Kontakte in der Vereinigung Sie sicher halten würden, besonders nach einem Sieg wie diesem.“
Sir Quentin zuckte die Achseln. „In einem Monat oder zwei vielleicht. Wir haben jetzt die Unterstützung. Aber im Moment reden sie immer noch von dem Übergriff der königlichen Macht, darüber, wie Sie ohne Ihre Einwilligung gehandelt haben. In der Zeit, in der sie ihre Meinungen ändern, kann ein Mann seinen Kopf verlieren.“
Sir Quentin würde seinen sowieso verlieren, wenn er andeutete, dass Rupert irgendwie Erlaubnis bräuchte, um zu tun, was er wollte. Er wäre der Mann, der König werden würde!
„Und natürlich, auch wenn Sie sie nicht tötet, Ihre Hoheit, könnte Ihre Mutter Sie einsperren oder Sie noch an einen viel schlimmeren Ort schicken, mit Wachmännern, um sicherzugehen, dass Sie heil ankommen.“
Rupert gestikulierte zu den Männern, die ihn umgaben, die zusammen mit ihm und Sir Quentin im Gleichschritt gingen.
„Ich dachte, dass passiert bereits?“
Sir Quentin schüttelte seinen Kopf. „Diese Männer gehören zu denjenigen, die neben Ihnen gegen die neue Armee gekämpft haben. Sie respektieren den Mut Ihrer Entscheidung und wollen sichergehen, dass Sie nicht alleine gehen, ohne die Ehre einer Eskorte.“
Es war also eine Ehrengarde. Rupert war sich nicht sicher, ob er es für eine halten konnte. Selbst wenn er sich jetzt umsah, sah er, dass die meisten Männer eher Beamte, anstatt gewöhnliche Soldaten waren und die meisten schienen froh, ihn begleiten zu dürfen. Das war schon näher an der Art von Bewunderung, die Rupert gewollt hatte, aber es war dennoch nicht genug, um die Dummheit abzuwehren, die seine Mutter ihm angetan hatte.
Es war eine Erniedrigung, und wie er seine Mutter kannte, war diese berechnet gewesen.
Sie erreichten den Hafen. Rupert hatte erwartet, dass mindestens ein großes Kriegsschiff wartete, das Kannnonendonnern ihn in Anerkennung seines Status begrüßte, wenn schon nichts anderes.
Stattdessen war da nichts.
„Wo ist das Schiff?“, fragte Rupert und schaute sich um. So weit er sehen konnte, war der Hafen nur mit der normalen Auswahl an Schiffen belegt, Händler, die nach der Bedrohung der neuen Armee wieder zum Handeln fuhren. Er hatte gedacht, dass sie ihm zumindest für seine Bemühungen danken würden, aber sie schienen zu beschäftigt damit Geld zu verdienen.
„Ich glaube, Ihr Schiff ist dort Ihre Hoheit“, sagte Sir Quentin und wies in eine Richtung.
„Nein“, sagte Rupert und folgte dem Zeigefinger des Mannes. „Nein.“
Das Boot war ein Kübel, sicherlich für die Reise eines Händlers geeignet und es war auch bereits teilweise mit Waren für die Reise zurück in die nahen Kolonien beladen. Es war überhaupt nicht dafür geeigneten, einen Prinzen an Bord zu haben.
“Es ist nicht so groß”, fuhr Sir Quentin fort. „Aber ich denke, Ihre Majestät dachte, dass eine Reise ohne großes Aufsehen die Chancen auf Gefahren auf dem Weg verringert.“
Rupert zweifelte, dass seine Mutter an Piraten gedacht hatte. Sie hatte daran gedacht, was ihn am meisten Unbehagen bereitete und sie hatte ganze Arbeit damit geleistet.
„Aber“, redete Sir Quentin weiter mit einem Seufzen“, zumindest werden Sie nicht alleine an Bord sein.“
Rupert hielt inne und starrte den anderen Mann an.
“Verzeihung, Sir Quentin”, sagte Rupert und strich über seinen Nasenrücken, um Kopfschmerzen abzuwenden, „aber warum genau sind Sie hier?“
Sir Quentin drehte sich zu ihm um. „Es tut mir leid Ihre Hoheit, ich hätte Ihnen das sagen müssen. Meine eigene Position ist ein wenig … ein wenig heikel im Moment.“
„Das heißt, Sie haben Angst vor der Wut meiner Mutter, wenn ich nicht da bin?“, fragte Rupert.
„Hätten Sie das nicht?“, fragte Sir Quentin und ließ für einen Moment die sorgfältig überlegten Sätze des Politikers sein. „So wie ich das sehe, kann ich darauf warten, dass sie eine Entschuldigung findet, um mich zu enthaupten oder ich kann die Interessen meiner Familiengeschäfte für eine Weile in die nahen Kolonien legen.“
Er ließ es einfach klingen: in die nahen Kolonien gehen, Sebastian freilassen, darauf warten, dass die Wut abebbte und einigermaßen zur Einsicht gekommen wieder zurückkehren. Das Problem dabei war ganz einfach: Rupert konnte sich nicht dazu durchringen, das zu tun.
Er konnte nicht einfach vorgeben, dass ihm etwas leidtat, was auf jeden Fall die richtige Entscheidung gewesen war. Er konnte seinen Bruder nicht freilassen, damit er das bekam, was ihm gehörte. Sein Bruder verdiente es nicht frei zu sein, wenn er einen Coup gegen Rupert ausführen würde, einen Trick oder eine List anwenden würde, um ihre Mutter zu überreden, ihn als Thronnachfolger einzusetzen.
„Ich kann das nicht“, sagte Rupert. „Ich werde es nicht tun.“
„Ihre Hoheit“, sagte Sir Quentin in diesem dummen vernünftigen Ton, den er an sich hatte. „Ihre Mutter hat dem Gouverneur der nahen Kolonien eine Nachricht geschickt. Er wird Ihre Ankunft erwarten und wird eine Nachricht schicken, wenn Sie nicht da sind. Selbst wenn Sie weglaufen, wird Ihre Mutter Soldaten schicken, nicht zuletzt, um herauszufinden, wo Prinz Sebastian ist.“
Rupert konnte sich kaum davon abhalten, den anderen Mann zu schlagen. Es war keine gute Idee seine Verbündeten zu schlagen, zumindest so lange nicht, wie sie noch nützlich waren.
Und Rupert war ein Weg eingefallen, bei dem Sir Quentin sehr nützlich sein konnte. Er schaute sich zu dem begleiteten Offizierstrupp um, bis er jemandem mit blondem Haar gefunden hatte, der ungefähr seine Größe hatte.
„Sie, wie heißen Sie?“
„Aubry Chomley, Ihre Hoheit“, antwortete der Mann. Seine Uniform hatte eine Kapitänsarmbinde.
„Also, Chomley“, sagte Rupert, „wie loyal sind Sie?“
“Hundert Prozent”, erwiderte der andere Mann. „Ich habe gesehen, was Sie gegen die neue Armee geleistet haben. Sie haben unser Königreich gerettet und Sie sind der rechtmäßige Erbe des Throns.“
„Guter Mann“, sagte Rupert. „Ihre Treue in allen Ehren, aber jetzt werde ich Ihre Treue testen.“
“Sagen Sie mir wie”, sagte der andere Mann.
„Ich will, dass Sie die Kleidung mit mir tauschen.“
„Ihre Hoheit?“, sagten der Soldat und Sir Quentin fast gleichzeitig.
Rupert schaffte es, nicht zu seufzen. „Das ist doch ganz einfach. Chomley hier, wird mit Ihnen an Bord gehen. Er wird so tun, als wenn er ich wäre und mit Ihnen in die nahen Kolonien fahren.“
Der Soldat sah so nervös aus, als wenn Rupert ihm befohlen hätte, sich einer Horde Feinde anzunehmen.
„Werden … werden das die Leute nicht merken?“, wand der Mann ein. „Wird der Gouverneur es nicht merken?“
„Warum sollte er?“, fragte Rupert. „Ich habe den Mann nie getroffen und Sir Quentin hier wird für Sie schwören. Das werden Sie doch, Sir Quentin?“
Sir Quentin sah von Rupert zum Soldaten und wieder zurück, offensichtlich versuchte er einzuschätzen, welche Richtung der Handlung ihn am Leben erhalten konnte.
Dieses Mal seufzte Rupert. “Hören Sie zu. Es ist ganz einfach. Sie fahren in die nahen Kolonien. Sie verbürgen sich dafür, dass Chomley ich ist. Da ich noch hier bin, gibt uns das die Gelegenheit die Unterstützung zu bekommen, die wir brauchen. Unterstützung, die Sie schneller zurückbringen kann, als wenn sie darauf warten, dass meine Mutter eine Kränkung vergisst.“
Der Teil schien die Aufmerksamkeit des anderen Mannes zu erregen. Er nickte. „Okay“, sagte Sir Quentin. “Ich mache es.”
“Und Sie, Kapitän?”, fragte Rupert. „Oder soll ich sagen General?“
Es dauerte einen Moment, bis das bei ihm angekommen war. Er sah Chomley schlucken.
„Alles, was Sie wünschen, Ihre Hoheit“, sagte der Mann.
Es dauerte eine Weile, bis sie ein leeres Gebäude unter den Lagerhäusern und den Bootschuppen gefunden hatten, sodass er die Kleidung mit dem Kapitän tauschen konnte. So sah Chomley jetzt aus … naja ehrlich gesagt nicht wirklich wie ein Prinz des Königreichs, aber mit Sir Quentins Empfehlung, sollte das ausreichen.
„Gehen Sie“, kommandierte Rupert und sie gingen, begleitet von der Hälfte der Soldaten, damit es mehr authentisch aussah. Er schaute sich zu den anderen um und überlegte, was sie als Nächstes tun sollten.
Er konnte auf keinen Fall Ashton verlassen, sondern er musste sich vorsichtig bewegen, bis er bereit war. Sebastian war sicher, wo er im Moment gerade war. Der Palast war groß genug, sodass er seiner Mutter eine Weile aus dem Weg gehen konnte. Er wusste, er hatte Unterstützung. Es war Zeit herauszufinden, wie viel Macht ihm das geben konnte.
„Los“, sagte er zu den anderen. „Es ist Zeit auszuarbeiten, wie wir das Übernehmen können, was mir gehören sollte.“
KAPITEL SECHS
“Ich bin Lady Emmeline Constance Ysalt D’Angelica, Marquise von Sowerd und Lady of the Order of the Sash!“, schrie Angelica in der Hoffnung, dass jemand sie hören würde. Sie hoffte, dass ihr ganzer Name Aufmerksamkeit erregen würde, wenn schon nichts anderes das tat. „Ich werde gegen meinen Willen getötet!“
Der Wachmann, der sie zog, sah nicht besorgt über ihr Schreien aus, was Angelica sagte, dass es keine echte Chance gab, dass sie jemand hörte. Niemand würde helfen. An einem Ort mit so vielen Grausamkeiten wie im Palast waren die Diener daran gewöhnt, die Hilfeschreie zu ignorieren, blind und taub zu sein, außer ihre Herrscher sagten ihnen, es nicht zu sein.
„Ich werde das nicht zulassen“, sagte Angelica und versuchte ihre Stiefel in den Boden zu stemmen und stehen zu bleiben. Der Wachmann zog sie einfach weiter, der Größenunterschied war zu groß. Sie schlug stattdessen nach ihm und traf hart genug, sodass ihre Hand danach schmerzte. Für einen Moment wurde der Griff des Wachmannes lockerer und Angelica drehte sich, um zu rennen.
Der Wachmann war in Sekunden bei ihr, griff nach ihr und schlug sie, sodass es in Angelicas Kopf zu klingeln begann.
„Sie können nicht …. Sie können mich nicht einfach schlagen“, sagte sie. “Die Menschen werden das wissen. Sie wollen das doch wie einen Unfall aussehen lassen. Er schlug sie erneut und Angelica hatte das Gefühl, das er es einfach tat, weil er es konnte.
„Nachdem du von einem Gebäude gefallen bist, wird niemand mehr eine Beule bemerken“, sagte er. Er hob sie hoch und trug sie so einfach über seiner Schulter, als wenn sie ein eigensinniges Kind wäre. Angelica hatte sich noch nie so hilflos gefühlt, wie in dem Moment.
„Schrei noch einmal“, warnte er sie, „und ich schlage dich erneut.
Angelica tat es nicht, wenn auch nur weil es keinen Unterschied zu machen schien. Sie hatte niemanden auf dem Weg hierher gesehen, entweder, weil jeder noch mit der Hochzeit beschäftigt war, die nicht stattgefunden hatte oder weil die Witwe alle sorgfältig in Vorbereitung aus dem Weg geschafft hatte. Angelica traute ihr das zu. Die Frau hatte es so geduldig und grausam wie eine Katze geplant, die vor einem Mäuseloch wartete.
„Sie müssen das nicht tun“, sagte Angelica.
Die Wache antwortete nur mit einem Achselzucken, das sie an ihrer Stelle auf seiner Schulter drängte. Sie gingen durch den Palast, auf Wandeltreppen hoch, die immer enger wurden, je höher sie gingen. Einmal setzte der Wachmann Angelica ab, um irgendwo durchzugehen, aber er hielt sie am Haar fest und zog sie mit einer Heftigkeit hinter sich her, die Angelica vor Schmerz aufschreien ließ.
„Sie könnten mich gehen lassen“, sagte Angelica. „Niemand wird es erfahren.“
Der Wachmann schnaubte dabei. “Niemand würde es merken, wenn du wieder am Hof auftauchst oder bei deiner Familie? Die Spione der Witwe würden es nicht merken, wenn du am Leben bist?“
„Ich könnte gehen“, versuchte Angelica. Die Wahrheit war, dass sie wahrscheinlich gehen müsste, wenn sie leben wollte. Die Witwe würde es nicht bei diesem Mordversuch belassen. „Meine Familie hat Geschäfte so weit weg über dem Meer, dass es von dort kaum Nachrichten gibt. Ich könnte verschwinden.“
Der Wachmann schien nicht beeindruckter als von der letzten Idee. „Und wenn ein Spion dich erwähnt? Nein, ich werde meine Aufgabe erfüllen.“
“Ich könnte Ihnen Geld geben“, sagte Angelica. Sie kamen jetzt höher. So hoch, dass sie bei dem Blick aus den schmalen Fenstern die Stadt wie Kinderspielzeug unter sich sehen konnte. Vielleicht sah die Witwe sie so: ein Spielzeug, dass für ihre Belustigung zusammengestellt wurde.
Das hieß auch, dass sie schon fast auf dem Dach sein mussten.
„Wollen Sie Geld“, forderte Angelica. „Ein Mann wie Sie verdient sicherlich nicht gut. Ich könnte Ihnen genug geben, sodass Sie ein reicher Mann werden.“
„Sie können mir nichts geben, wenn Sie tot sind“, wies der Wachmann sie darauf hin. „Und ich kann es nicht ausgeben, wenn ich es bin.“
Eine kleine Tür lag vor ihnen, eine Eisentür mit einem einfachen Verschluss. Angelica dachte, dass der Weg zu ihrem Tod, irgendwie mehr Drama dabei haben sollte. Dennoch ließ nur der Anblick bei ihr wieder Angst aufsteigen und sie zog sich zurück, während der Wachmann sie nach vorne drängte.
Wenn Angelica einen Dolch besessen hätte, hätte sie ihn benutzt, während er die Tür aufschloss und sie öffnete und die kalte Luft sie erfasste. Wenn sie ein scharfes Essmesser hätte, dann hätte sie zumindest versucht, ihm die Kehle damit durchzuschneiden, aber das hatte sie nicht. In ihrem Hochzeitskleid hatte sie es nicht. Das Einzige, was sie hatte, waren ein paar Puderdosen, damit sie ihr Make-up auffrischen konnte, ein Beruhigungsmittel, das dazu gedacht war, die Nerven zu beruhigen und … das war es. Das war alles was sie dabei hatte.
Alles andere war irgendwo da unten, versteckt als Ergebnis ihrer Hochzeit.
“Bitte”, bat sie und sie musste sich nicht allzu viel Mühe geben, um hilflos auszusehen, “wenn Sie kein Geld wollen, was ist dann mit Anstand. Ich bin nur eine junge Frau, gefangen in einem Spiel, das ich nicht wollte. Bitte helfen Sie mir.“
Der Wachmann zog sie aufs Dach. Es war flach mit Krenulationen, die nichts mit echtem Schutz zu tun hatten. Der Wind zerrte an Angelicas Haar.
„Glaubst du, ich glaube irgendwas davon?“, fragte der Wachmann. „Das du einfach nur ein unschuldiges kleines Ding bist? Du kennst die Geschichten, die man über dich im Palast erzählt, Milady?“
Angelica kannte die meisten. Sie legte Wert darauf, zu wissen, was Leute über sie sagten, sodass sie sich später rächen konnte.
„Sie sagen, dass du eingebildet und grausam bist. Das du die Menschen schon ruinierst, nur weil sie in einem falschen Ton mit dir sprechen und das du für Rivalinnen das Zeichen der Leibeigenen auftätowierst, wo früher keins war. Glaubst du, du verdienst Gnade?“
„Das sind Lügen“, sagte Angelica. „Sie sind –„
„Es ist mir ohnehin egal.“ Er zog sie in Richtung der Brüstung. „Die Witwe hat mir einen Auftrag gegeben.“
“Und was werden Sie machen, wenn Sie diese erfüllt haben?”, fragte Angelica herausfordernd. „Glauben Sie, Sie lässt Sie leben? Wenn die Vereinigung herausfindet, dass Sie eine Adlige getötet hat, wird sie entthront.“
Der große Mann zuckte die Achseln. „Ich habe schon vorher für sie getötet.“